In da Bim

Die Straßenbahn in Wien.
Der Ort, an dem ich am liebsten bin.
(…wenn als einzige Alternative mein eigenes Grab bliebe.)

Nirgendwo sonst herrscht mehr Verschlossenheit, Ablehnung und Stoa als dort. Nicht im Bus; nicht im Zug; nicht einmal während der Fahrt vom Erdgeschoss bis in den 3’547. Stock. Davon konnte ich mich heute bei der Heimfahrt wieder überzeugen.
Sobald die Fahrgäste ihren Platz im Wagon gefunden haben, sind sie mit Elektrogeräten zu vergleichen, die am Stecker hängen, sich aufladen und indes nicht benutzt werden sollten. Jede Mimik geht verloren. Die Blicke werden auf neutrales Gelände – meist aus dem Fenster oder auf den Boden – gerichtet. Alles stellt sich auf Stand-By und aus zahlreichen, grundverschiedenen Individuen wird ein geistesabwesender Mob.

Ihre Menschlichkeit erlangen sie vorübergehend erst dann wieder, wenn sie ihr eigenes Handy klingeln hören. Und wenn man sie fragt, ob der Platz neben ihnen noch frei ist. Dann reagieren sie aber gleichzeitig so überfordert, als hätte man sie nicht angesprochen, sondern ihnen die Faust ins Gesicht gerammt.
„Ja, ja!“ lautet die übereilte Antwort. Fünf Sekunden später begreifen sie erst, dass sie ‚Ja‘ gesagt haben, doch da ist es schon zu spät – weil sich jemand neben sie setzt, den sie in diesem Augenblick überhaupt nicht neben sich haben wollen.

Würden meine Jungs morgens in der Einteilung (zu deutsch: Formation) solche Gesichter machen, wie jene Fahrgäste, würde ich mich nach der Pflicht der Kommandantenfürsorge gezwungen sehen nachzufragen:
„Gab’s einen Todesfall in der Familie?“
„Ist der One-Night-Stand von vor zwei Monaten schwanger?“
„Menstruationsbeschwerden?“

Wenn ich in der Straßenbahn in die Runde sehe, kommt das Gefühl in mir hoch, als wäre ich der einzige von Gott geschaffene Mensch auf Erden und alle anderen rund um mich herum nur Statisten ohne Text. Genau so, wie es bei Raumschiff Enterprise immer der Fall ist: Captain Kirk gibt schneidig, mit perfektem Elvis-Blick Befehle; nebenbei krebst hinter ihm ein Statist alibimäßig von Bildschirmrand zu Bildschirmrand, um Beschäftigung, Arbeit und mordsmäßigen Stress auf dem Schiff darzustellen. Ich wäre dann Captain Kirk.
Oder aber ich bin Jim Carry in der Truman-Show. Überall sind Kameras versteckt und die Welt brennt darauf zu sehen, wie ich reagiere, wenn der 45. Typ von links ohne Hand vorm Mund gähnt.

So abrupt, wie ich genau … jetzt mit diesen schwachsinnigen Gedanken aufhöre, so abrupt ist auch der Straßenbahn-Stoizismus vorbei, wenn man bei der Zielstation ankommt. Die Tür geht auf und sowie man an der Schwelle steht, ist man schon wieder reizüberflutet. Lärm, unzählige Passanten, Reklamen, Graffiti,  Imbissbuden und leere Heroinspritzen. Sofort wird man wieder von dem Strom mitgerissen, aus dem man sich vor fünf, zehn oder 20 Minuten gezogen hat, als man in die Straßenbahn gestiegen ist.

Und jetzt, wo ich diese Zeilen so schreibe (und sicher auch, weil ich kein Stadtmensch bin), wundert es mich plötzlich gar nicht mehr so sehr, warum all die Menschen in Straßenbahnen aussehen
…wie sie eben aussehen.

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~ von Sylvan - 18. März 2011.

2 Antworten to “In da Bim”

  1. Warum mag ich nur so, dass Du KEIN Stadtmensch bist 🙂

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