Eine unvergessliche Nacht

Winter 2010
Belastungsübung, dritter Laufbahnkurs

Montag:
Um zirka 09:00 Uhr Abmarsch mit über 40 Kilogramm Ausrüstung.
Der Marsch umfasst zahlreiche Stationen, 30 Kilometer und dauert 14 Stunden.
Natürlich sind die Beine danach etwas strapaziert. Der Psyche fehlt aber (noch) nichts.

Nachts: zirka zwei Stunden Schlaf.

Dienstag:
Gefechtsdienst. Von einer Station zur nächsten mit der ganzen Ausrüstung pendeln.
Schlechtes Wetter; Regen und Kälte. Angepisste Mannschaft.

Nachts: nicht einmal zwei Stunden Schlaf.
Ich wache auf und finde mich in einer Wasserlache wieder.
Die pitschnasse Plane meines kleinen Zwei-Mann-Zeltes hängt mir ins Gesicht.
Ich bin kein emotionsgeladener Mensch. Das ist in diesem Augenblick äußerst vorteilhaft.

Mittwoch:
[siehe: Dienstag]

Nachts: zirka zwei Stunden Schlaf.

Donnerstag:
Frühstück und Abbau des Lagers.
Wir werden mit Hubschraubern ausgeflogen und irgendwo im Gemüse ausgesetzt.
Fortsetzung des Marschierens: Donnerstag, zirka 09:00 Uhr.
Geschätzte Ankunftszeit in der Kaserne und Beendigung des Marsches: Freitag, zirka 15:00 Uhr.
Kein weiterer Schlaf.

Selbst an diesem Tag kommen wir nicht an unsere geistigen und körperlichen Grenzen, auch wenn es erheblich mühseliger vorangeht als montags.

Und jetzt stellen Sie sich folgendes vor:
Sie sind vier Tage lang um 40 Kilogramm schwerer und ständig in Bewegung.
Nachts sind sie zumindest wach und haben pro Nacht gerade einmal zwei Stunden Schlaf.
Zähneputzen ist während dessen die einzige Art von Körperpflege, zu der Sie im Stande sind.
Das Sahnehäubchen des Ganzen: nass-kaltes Wetter; nachts Frost.
Und die Kirsche: zwei Mal bei Minusgraden einen breiten Bach durchqueren.
Dann stellen Sie sich vor am vierten Tag (Do.) um 20:00 Uhr sagt ihnen jemand: ‚Pause! Zwei Stunden Zeit zum Essen und Duschen!‘
‚Herrlich!‘ will man jauchzen. Tut man auch. Ohne zu wissen, dass genau dadurch das Ausmaß an Belastung eingeleitet wird, welches einen an die Grenzen führt.
Ihr Körper fährt sich in der Ruhephase herunter. Die Dusche lullt Sie ein in Wohlbehagen. Jetzt wäre es doch toll, wenn der LKW in Kürze käme und Sie heim fahren würde. Jetzt einfach hinlegen und schlafen. Sie werden zusätzlich müde, weil Ihr Körper das Essen zu verdauen hat.
Und dann wird es Ihnen bewusst:
Das, worauf Sie seit Montag morgen warten und wovor Sie seit Montag morgen Respekt haben, steht unmittelbar bevor – Ihre körperliche und geistige Grenze.
Ihnen wird klar, dass sich die eigentliche Belastung, die eigentliche Herausforderung nur auf die Nacht von Donnerstag auf Freitag beschränkt – die Nacht, die nun bevorsteht.


Nach 01:00 Uhr morgens geht es bergab mit mir. Meine Fußsohlen sehen schon seit den ersten Marschstunden am Donnerstag aus wie die Mondlandschaft, weiß und mit tiefen Schluchten versehen. Sie sind voller Wasser; völlig geschwollen. Ich Vollidiot habe mich für die Goretex-Schuhe entschieden. Schuhe, die kein Wasser nach innen lassen – und keines nach draußen. Schweiß bleibt also im Schuh, egal wie viel Puder oder Creme man aufträgt. Und die Socken, die ich irgendwann in der Nacht gewechselt habe, sind nicht dick genug, um damit in den Schuhen stabil stehen zu können.
Anfang der Woche hat man uns noch belehrt, wir sollen so wenig wie möglich auf Teerstraßen gehen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wird mir am eigenen Leibe eröffnet, warum. Jeder Schritt auf Asphalt schmerzt in den Gelenken und jeder Soldat bahnt sich deswegen den Weg über das Bankett der Straßen. Der Unterschied ist erstaunlich.
Die Gelenkflüssigkeit in meinen Knien ist kurz vorm Kochen. So fühlte es sich zumindest an. Wenn ich die Hände darauf lege, werden sie sofort warm. Ich musste sie nicht einmal anfassen und der selbe Effekt tritt ein – keine Übertreibung.
Zu diesen Dingen, die schon stundenlang so hinzunehmen sind, kommt dann die Müdigkeit. Ich bekomme eine Schmerztablette, weil meine Waden verdammt schmerzen. Schuld daran ist der Wassermangel und ich habe kaum noch Tee. Die Wasserversorgung ist unzureichend. Ich trinke das dritte Viertel meiner Feldflasche. Die Schmerzen werden geringfügig gelindert – und danach wieder schlimmer.

(Erstaunlich wie salopp sich im Nachhinein darüber schreiben lässt. In dieser Nacht war nichts salopp. Gar nichts war salopp.)

Es muss die Tablette sein, die mich beinahe niederstreckt. In dieser Nacht mache ich die Erfahrung, wie es ist zu schlafen und gleichzeitig zu gehen. Ich hätte nie geglaubt, dass das möglich ist. Es ist möglich. Ich hätte auch nie geglaubt, dass es (mir!) möglich ist aufgrund von Belastung plötzlich zu halluzinieren. Es ist möglich.
Ich halluziniere sogar äußerst grob. In den Momenten, als ich die Augen offen halten kann, sehe ich beispielsweise riesige Brücken auf Feldern. Die Brücken an sich sind ein vom strahlenden Mondlicht beleuchteter Teil des Feldes – aber bis ich dahinter komme, vergeht eine lange Zeit, in der ich mich nur wundern kann.

Bei fast jedem Gehöft oder jeder Baumgruppe sehe ich Silhouetten von Soldaten und militärische Fahrzeugen, wo keine sind. Einmal erkenne ich ein Licht – im Ausmaß einer kleinen Taschenlampe – am Waldrand. ‚Das muss jetzt auch wieder Einbildung sein‘, denke ich.
Wegsehen. Blinzeln. Hinsehen.
‚Ja, es war Einbildung.‘

Das Absonderlichste all dieser Visionen ist aber die Filmcrew, die ich in 20 Metern Entfernung am Waldrand sehe. Und diese Crew hat sogar Stühle mit sich, wie man sie für Regisseure aufstellt. Ein Mann ist etwas dicker als die anderen und trägt eine Kappe. Er erinnert mich an Michael Moore. Doch er, wie auch der Rest dessen, was ich über die Stunden verteilt fälschlicher Weise sehe, ist nur ein gut inszeniertes Licht-Schatten-Spiel, vom Mond ausgehend, das mein strapaziertes Hirn nicht mehr richtig übersetzen kann.
Spätestens nach Michael Moore sehe ich mich gezwungen zu sagen: „Leute, ich werd‘ euch nichts mehr melden. Ich halluziniere…“
„Is‘ okay…“, lautet die müde Antwort.

Ab 03:00 Uhr bekomme ich von den Stunden bis Sonnenaufgang nur noch die Hälfte mit. Wie gesagt: schlafen und gehen gleichzeitig ist möglich. Sie können das für sich gerne herausfinden, nur muss im Vorfeld lange genug Schlafentzug und Belastung gegeben sein.
Diese Übung dauerte von Montag Morgen bis Freitag ca. 16:00 Uhr. Das umfasste mehr als 100 Stunden Wachsein und zwischen sechs bis zwölf Stunden Schlaf. Je nachdem wie viel Glück der Einzelne hatte.
Wir holen uns eine weitere Stunde raus, als einer unserer Gruppe im Morgengrauen bei einem Tischler anklopft, der soeben die Werkstätte öffnet. Wir fragen ihn, ob es denn möglich wäre schnell eine Stunde bei ihm unter zu ziehen. Ich selbst bekomme davon im eigenen Delirium nichts mit. Richtig wach bin ich erst wieder, als die Gruppe das ‚Ja‘ des Tischlermeisters bekommt. Ich kann es gar nicht glauben. Der nette Mann hat scheinbar ein Herz für Tiere.

Und er hat keine Ahnung, wie sehr er uns damit das Leben erleichtert. Der Schlaf, wenn auch kurz und unerheblich, gibt uns die Chance diese Nacht abzuschließen. Als wir erwachen und weiter ziehen, ist es wie ein Reset; wie ein neues Kapitel. Der Donnerstag ist somit abgeschlossen und die letzten wenigen Stunden können anbrechen; für die Psyche eine unglaubliche Wohltat.

Am Freitag um zirka 16:00 Uhr ist es vorbei.


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~ von Sylvan - 14. März 2011.

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