Rookie

Regen. Nichts als Regen.
Das monotone Prasseln übergroßer Tropfen; es hört nicht auf.
Kaum zu glauben, wie viel Wasser der Himmel über diesem Land bereit hält. Die schwarz-grauen Wolken scheinen unerschöpflich.
Das dichte, üppige Blattwerk zittert und bewegt sich beständig unter den harten Schlägen der Regentropfen.
Der ganze Dschungel ist in Bewegung. Das monotone, anhaltende Rauschen der Wassermassen macht es dem Aufklärungstrupp unmöglich,
im unheilverkündenden Grün andere Geräusche heraushören zu können.
Es geht langsam nur voran.
„Verdammt, Rookie, verzieh Dich endlich hinter mich!“
Der junge Kriegsreporter kommt dem Befehl eines der Schützen nach, die in Schützenreihe einer nach dem anderen dem Sergeant folgen.
Dieser unfreundliche Ton hier ist für ihn gewöhnungsbedürftig. ‚Rookie‘ kann verstehen, dass er hier nicht willkommen ist.
Mit seinem hellblonden, fast bleichen Haar fällt er in der Reihe der Uniformierten auf. Im Gegensatz zu den anderen, wirken seine Gesichtszüge entspannt, was er selbst darauf zurückführt, dass er noch nicht lange hier ist. ‚Rookie‘ – oder auch der Kameramann‘ wie sie ihn nennen – könnte wetten, dass mancher von den Männern zehn Jahre älter aussieht, als er tatsächlich ist.
„Warum sind wir so langsam?“, will er leise wissen.
Die dunklen Augen des hageren, braungebrannten Soldaten, der ihn eben aufforderte, bleiben wachsam, sehen ‚Rookie‘ aber nicht an.
Weil er keine Kaugummis mehr hat, kaut er stattdessen auf seiner Zunge herum.
„Der Regen … Und wegen der Booby Traps.“
„Booby Traps?“
Der Soldat verdreht seine Augen.
„Du kommst echt frisch von der Uni, oder? Die Wichser legen hier überall Fallen aus. Stolperdrähte. Fallgruben. Netze und Schlingen. Das ganze Programm, Mann! Dein scheiß Fuß streift einen scheiß Draht und wenn Du Glück hast, hängst Du nur in einem Netz. Wenn Du Pech hast, merkst Du grad mal noch, wie Dich hundert Bambusstäbe aufspießen, wie Dir ein Baumstamm von oben entgegen kommt, oder Dir das Mittagessen durch Deinen Bauch raus schießt, weil Du in ‚ne scheiß Granate gelaufen bist!“
Von hinten ist ein scharfes Zischen zu hören; die Aufforderung leiser zu sein.
Der Soldat fährt flüsternd fort:
„Deshalb wärs besser, Du würdest endlich diese scheiß Kamera wegstecken, Dir Dein scheiß Gewehr greifen und endlich mal Deine Augen aufmachen!“
„Schon gut“, murmelt der Photograph nur, marschiert langsamer und fällt so in der Reihe zurück, damit der Soldat nicht sehen kann, dass er nicht vorhat, desse Aufforderung nachzukommen.
Das hier ist alles so anders, sinniert ‚Rookie‘ und hält seine Kamera unter dem braunen Regenschutz, als würde sich für ihn jede Sekunde die Möglichkeit eröffnen,
das Foto des Jahrhunderts zu schießen.
Es ist so anders, als man die Leute zu Hause Glauben machen will.
Das hier hat nichts mehr damit zu tun: Mit dem Heldenbild, mit der Glorifizierung, mit der sie in den Staaten versuchen, diesen Krieg zu legitimieren; nicht mehr hier, wo die Soldaten tun und leisten, wofür man sie hierher gebracht hat.
Er merkt es am Gehabe der Männer, am Gerede, am Gebaren.
Sie stehen nur dann stramm, wenn sie einen ranghohen Offizier vor sich haben.
Es herrscht keinerlei Einheitlichkeit in der Bekleidung.
Es gibt kaum Vorschriften.
Und die Kommandanten verhalten sich wahlweise still und in sich zurückgezogen, oder sie umgibt ein Flair wie das der Action-Helden aus Comic-Heften; mit dem Unterschied, dass denen hier beinah alles scheißegal zu sein scheint.
Die Art, wie sie miteinander reden, ihr Ton, lässt vermuten, dass sie dieses ganze verdammte Land hier, ginge es nach ihnen, am besten mit einem Schlag mit Napalm überziehen würden.
Diesen Sergeant Niland kann ‚Rookie‘ kaum einschätzen, aber es ist ein offenes Geheimnis, dass seine eigene Anwesenheit allen Männern hier, auch diesem Niland, auf den Geist gehen dürfte.
„Benjamin.“
Der Sergeant ist der einzige Mann, der ihn bei seinem richtigen Namen nennt.
„Ja? Ja, Sir?“
Während Benjamin hastig zum Sergeant aufschließt, strauchelt er beinahe.
Jedes einzelne Gesicht in der Schützenreihe hinter ihm entgleist in dem Moment, fast so, als hätte sein Straucheln unbeabsichtigt einen verräterischer Schuss ausgelöst.
„Damit das von vornerein klar ist“, murmelt Niland unter seinem Regenschutz hervor, der alles, bis auf Hände, Füße und das Gesicht, bedeckt.
„Wenn wir dort sind, wirst Du bei der Rücksicherung bleiben. Wenn ich beurteile, dass Du nach vorn kannst, dann kommst Du.
Wenn nicht, dann war das nicht mehr, als ein netter Spaziergang unter erschwerten Bedingungen.“
„Ja, Sir! Sicher, Sir!“
„Und keine Bilder mehr, bis ich sage: Parker, mach ein Foto.“
„Natürlich, Sir!“
Sergeant Niland sieht seinem Gegenüber niemals direkt in die Augen, auch nicht dann, wenn er jemanden direkt anspricht. Das liegt auch in diesem Moment nicht allein an der erhöhten Aufmerksamkeit, die er an den Tag legen muss. Er sah Benjamin auch nicht an, als sie noch im Verfügungsraum waren. Genau so handhabt es der Sergeant auch allen anderen gegenüber.
Es scheint eine Marotte von ihm zu sein.
Benjamin kratzt sich am von hellen Bartstoppeln unregelmäßig überzogenen Kinn und fragt sich, woran das liegen mag.
Er glaubt, in den grau-blauen Augen des Sergeant Besonnenheit lesen zu können. Ruhe. Beherrschung. Absolute Kontrolle über sich selbst. Sie haben Tiefe. All das Bescheidene und Stille um den Mann herum verleiht ihm Tiefe. Oder aber Benjamin bildet sich alles nur ein, weil er versucht ist, aufgrund der Zurückgezogenheit des Sergeants seiner Person einiges anzudichten. Dazu kommen noch die Einfachheit und Durchschnittlichkeit seines Äußeren. Er ist nicht dünn, er ist nicht dick. Sollte es so etwas wirklich geben, würde Benjamin sagen, der Sergeant habe ein völlig herkömmliches, durchschnittliches und meist glattrasiertes Männergesicht. Die dunklen Haare, das als Schnitt zu bezeichnen, wäre üebertrieben;
sie sind einfach nur auf praktische Weise kurz gehalten.
„Haben Sie… Haben Sie Familie, Sir?“, fragt Benjamin irgendwann leise nach.
„Drei Töchter.“
„Wow…“
„Ja. Da war der Vater fleißig und die Mutter tapfer.“, entgegnet Sergeant Niland, während er den beiden Nahsicherern, die gute zwanzig Meter vor ihm durch die Sträucher schleichen, das Zeichen zur Ablöse gibt.
Die Männer gehen in die Hocke und verschwinden vollständig im dichten Grün.
Ein Wink des Kommandanten nach hinten, und zwei andere Soldaten marschieren nach vorn, um ihren Vorgängern durch die Ablösung die Psyche etwas zu entspannen.
„Du bist ein Ausreißer, oder?“ fragt Sergeant Niland dann plötzlich. „Einer, der das Abenteuer sucht?“
„Ja, äh… Ja, so könnte man es sagen.“ Bei diesem Geständnis wirkt Benjamin fast fröhlich. Den Job bei der Agentur hätte er niemals ausgeschlagen.
„Und was willst Du dann ausgerechnet hier?“ kommt es trocken zurück. Der Sergeant muss erst gar nicht erklären, was er damit meint.
Benjamin Parker, der nun still und betreten schweigt, weiß selbst, dass der Begriff ‚Abenteuer‘ in Bezug auf das Leben hier völlig unangebracht ist.
„Ich nehme an, Du kommst aus gesundem, elterlichem Haus?“
fährt der Sergeant fort.
„Ja, Sir.“
„Dann bist Du gegen den Willen Deiner Eltern hier?“
„Ja, Sir.“
„Deine Mutter hat Dir Tränen nach geweint.“
„Ja, Sir.“
„Viele Tränen. Aber das war Dir egal, weil das Abenteuer einfach zu verlockend war?“
„Ja… Sir“, murmelt Benjamin dann nur noch zögerlich.
Als die Gruppe den nächsten kleinen Hügel erreicht, wird ein Beobachtungshalt eingelegt. Der Sergeant sieht auf die Karte. Noch zwei Meilen, dann würde sich die Gruppe in zwei Trupps teilen, um eine bessere Aufklärung des Zieles zu gewährleisten.
„Geh ihm nicht lang auf die Nerven, Schoolboy.“, murmelt der braun gebrannte Soldat Ben Parker zu. Er kaut noch immer völlig nervös auf seiner Zunge herum.
Ben verhindert eben noch so, eine Grimasse zu ziehen – jetzt sind es bereits drei verdammte Spitznamen.
„Ihn hat’s schon mal erwischt.“
„Schon einmal?“, hakt Ben überrascht nach.
„Wenn ich’s doch sag, Mann! Vor fünf Monaten – mitten in die Brust. Wenn’s Dir noch nicht aufgefallen ist: Er hat sicher schwerwiegendere Sorgen, als Du. Also wär’s ganz angebracht, wenn Du den Ball flach halten würdest.“
Ben eröffnet das völlig neue Möglichkeiten, was seine eigene Einschätzung des Sergeants angeht.
Womöglich sind es weder Besonnenheit, noch Beherrschung, oder gar Ruhe, die das Verhalten des Kommandanten bestimmen?
Vielleicht ist es einfach nur Angst; reine, schlichte, schiere Angst, weil er weiß, wie es sich anfühlt; weil er weiß, wie es sich anfühlt, am Rande des Lebens zu stehen?
Sicher ist auch Resignation dabei, weil er trotz allem noch immer hier draußen ist.
„Sir, ich will mich entschuldigen.“ Benjamin hat das Bedürfnis, das zu tun.
„Und ich will Dir einen Rat geben“, entgegnet Sergeant Niland, während sich die Soldaten wieder allesamt in Bewegung setzen.
„Ja?“
„Geh nach Hause.“
Ben seufzt.
„Du bist jung, stark und willst Deine Freiheit. Nimm sie Dir. Mach das, was wir hier alle nicht können – geh nach Hause.
Morgen schon. Oder noch besser: gleich bei Nachteinbruch, wenn wir alle wieder im Camp sind. Es gibt bessere Jobs für einen, der mit ‚ner Kamera umgehen kann, als den hier!“
An dieser Stelle ist jede weitere Konversation beendet. Bens Mitteilungsbedürfnis ist regelrecht ausgelöscht; Nicht aus Protest oder weil er sich beleidigt fühlte. Er denkt über die Worte des Sergeants nach.
Seine Mum dürfte in diesem Moment kaum weniger unter seinem Vorhaben hier leiden, als vor seiner Abreise.
Plötzlich fühlt er sich schuldig, verantwortlich, egoistisch.
Vielleicht sollte er damit aufhören, auf Kosten seiner Mutter dem Vater nach zu eifern, der aus Korea mit drei Medaillen nach Haus kam?

Ben Parker verfällt in Lethargie, während er seinen Gedanken nachhängt. Das einzige, was er wahr nimmt, ist die Gestalt des Sergeants, der schräg vor ihm marschiert und dessen Geschwindigkeit er sich anpassen muss.
Und weil er bisher noch keinen einzigen bewaffneten Vietnamesen, geschweige denn Gefahr im Verzug erlebt hat, ist es für ihn ein Leichtes, der ständigen Bedrohung im Dschungel nicht allzu viel Aufmerksamkeit beizumessen.
Er stapft dahin, und mit jedem Schritt fühlt er innerlich, wie Sergeant Nilands Rat mehr und mehr an Gewicht erhält, und das in nur wenigen Minuten, die vergehen.
Seine Mutter hat tage- und wochenlang auf ihn eingeredet, ohne dass sich auch nur das Geringste in seinem Denken verändert hätte.
Irgendwann gibt Parker das Abwägen schließlich auf.
Er sieht nur noch den artenreichen Blättern und Sträuchern beim Tanzen zu und müht sich, dass seine Nikon unter der Himmelsdusche keinen Schaden nimmt.
Regen.
Warum hat der ‚Braune‘ noch gleich gesagt, der Regen würde alles noch gefährlicher machen? Das hat er völlig vergessen, ihn zu fragen, weil diese spektakulären ‚Booby Traps‘ seine ganze Aufmerksamkeit forderten.
Benjamin Parker soll die Antwort erhalten.
Als er den Blick bis zur nächsten Geländekante hebt, sieht er ihn;
völlig still, neben einem Baum, in seiner dunklen blau-grauen Uniform.
Der Blick des Vietnamesen ist aufmerksam und stechend.
Das erkennt Ben selbst auf diese Distanz, in welcher ein Basketball-Feld Platz finden dürfte.
Das Blut gefriert ihm in den Adern.
Er verfällt in Schockstarre; sein Mund weitet sich,
genauso wie es seine Augen tun.
Warum schießt niemand! Warum beginnt niemand zu kämpfen!
Warum fällt der Bursche dort nicht endlich um!
Sie sehen ihn nicht! Die anderen sehen ihn einfach nicht!
Und dann regt der Vietnamese nur leicht seinen Kopf und die Amerikaner kommen endlich in sein Blickfeld.
Sofort begegnet der Mann mit den Mandelaugen Ben gleichermaßen überfordert, wie der es selbst schon seit Sekunden ist.
Der Griff des Vietnamesen nach der Waffe ist schlussendlich der Auslöser.
„VIETCONG!“, schreit er lang gezogen und mit aller Kraft.
Er stößt sich mit aller Wucht gegen den Sergeant.
Ein Schuss bricht.
Sergeant Niland schreit auf, als seine Schulter hart gegen eine Wurzel prallt.
Dem ersten Schuss folgt ein nächster. Ein weiterer.
Dann hört er hysterisches, vietnamesisches Geschrei von vorne.
Die Lage artet in unregelmäßigen Feuerstößen des Feindes aus.
Kugeln zischen in bedrohlicher Nähe vorbei.
Manche schlagen unmittelbar neben Sergeant Niland ein.
„EIN UHR, FÜNFZIG, FEIND!“
Sergeant Niland hört die Meldung, weiß aber nicht, wem die Stimme gehört.
„LINIE!“, befiehlt er und stößt Benjamin von sich, dessen ganzes Körpergewicht auf ihm lastet.
„Unten bleiben, Parker!“
Niland beginnt, schnell voran zu robben.
„ALLE AUF MEINE HÖHE! HIER HER!“
Keine Chance auf Sichtverbindung – das denkt er noch – ehe sein rechter Arm ganz von alleine heftig zuckt. Er versteht diese unkontrollierte Bewegung nicht. Und er versteht nicht, warum sein Arm daraufhin immer tauber wird, als würde sein Körper diesen Teil in einem langwierigen Prozess aussschalten wollen.
Eine Kugel zischt laut und knapp an ihm vorüber. Sofort darauf spürt er einen harten Schlag gegen seinen Kopf, dessen Kraft ihm schwarz vor Augen werden lässt. Sergeant Jim Niland bemerkt noch, wie er sich mühevoll und in einer unendlich langsam wirkenden Bewegung zur Seite rollt.
Dann wird alles dunkel.
Und still.

Die Augen zu öffnen, es ist es ein unheimlich schwieriger und langwieriger Prozess. Nach und nach erst verarbeitet Sergeant Nilands Bewusstsein, was um ihn herum geschieht, was sich um ihn herum befindet.
Holz.
Bretter.
Regelmäßige Bretter.
Regelmäßige, zusammen laufende Bretter.
Ein Dachfirst. Von innen.
Ein langer Dachfirst von innen, mit Querbalken darunter.
Ein langer, hoher Holzbau.
Niland muss sich im Feldlazarett befinden.
Kaum Inneneinrichtung, weil der ganze Platz für medizinisches Gerät, Verstaukisten und haufenweise Betten gebraucht wird.
Er ist schon einmal hier gewesen.
Der Sergeant dreht den weich gebetteten Kopf zur Seite und seine Vermutung bestätigt sich. Er liegt in einem der vielen Krankenbetten.
Und nun ist ihm auch klar, von woher das Stöhnen und Murmeln um ihn herum rührt – von allen anderen Glückspilzen, die hier ihre Zeit bis zur Genesung verbringen.
Das hier ist der Bereich derer, die leben werden.
Ein Gebäude von beinah heiliger Dimension für einen Soldaten hier,
in das sich jeder Verwundete wünscht, weil er hier einzig auf die Wiederkehr seiner Kräfte und Fähigkeiten zu warten hat.
„Hey, Jim.“
Der Sergeant dreht den Kopf einmal mehr.
„Tom?“
Der schwache, raue Klang seiner eigenen Stimme überrascht ihn selbst.
Der Lieutenant, der vor seinem Bett steht, entspricht in seinem Feldanzug auf tadellose Weise der ‚Anzugsordnung‘, nur seine Kappe droht an der Krempe einzureißen.
Der Kamerad, welcher ihm Tom Gardener schon im Sandkasten war, der ist er ihm bis heute geblieben, selbst hier draußen im Krieg.
„Hast es überstanden. Ein zweites Mal.“
Sergeant Jim Niland verzieht sein Gesicht. Jetzt kommt der Schmerz.
Und er wird bleiben.
Der ganze rechte Arm zieht, sticht und brennt, ebenso die rechte Partie vom Atlas weg bis zu den Schultermuskeln. Er kann sich kaum bewegen.
„Wie viele sind übrig“, fragt er seufzend, als er sich nach und nach daran erinnert, was passiert ist.
Tom zögert.
„Vier Tote, mit Dir drei Verletzte und zwei Männer, die heil geblieben sind.“
„Großer Gott…“ Jim schließt müde die Augen.
„Dein rechter Oberarm ist aufgerissen. Der Muskel hat einiges abbekommen. Und eine Kugel ist über Deinem Schlüsselbein durch gedrungen. Dein Leben hast Du Deinem Helm zu verdanken.“
„Wieso das?“, murmelt Jim Niland.
„Weil eine Kugel, Gott weiß warum, von ihm abgeprallt ist.
Der Winkel hat scheinbar genau gepasst.“
Jim regt sich nicht. Sein Gesicht wird verspannter.
Die Augen bleiben geschlossen.
„Die schweren Granatwerfer haben euch gerettet. Eure Position war gerade noch in Reichweite. Der Sani und der Funker haben Dich ganze vier Kilometer zurück geschleppt. Curtis und Gregory haben sich selbst schleppen müssen.“
Jim sagt nichts.
Tom räuspert sich.
„Deinem Helm fehlt jetzt ein Stück. Du kannst ihn als Souvenir mit nach Hause nehmen.“
Jim sieht sich gezwungen, seine Augen zu öffnen.
Tom lächelt ihn traurig an.
„Du warst zwei Tage ohne Bewusstsein. Heute morgen kam der Entschluss vom Kommando. Du gehst nach Hause. Für Dich ist es vorbei, Buddy.“
Lieutnant Tom Gardner legt eine beinah andächtige Pause ein.
„Sobald Du kannst, fliegst Du mit der nächsten Partie zurück in die Staaten. Bald kannst Du in Deiner High School wieder Englisch unterrichten.“
Womöglich ist Jim Niland einfach zu müde; womöglich ist es zu viel Information auf einmal; womöglich denkt er, dass sich das alles zu gut anhört, um wahr zu sein – jedenfalls reagiert er nicht auf die gute
Kunde. Stattdessen fragt er einfach:
„Was ist mit Benjamin?“
„Mit wem?“
„Dem Fotografen …“
„Tot…“
Das Schweigen hält lange an.
Lieutnant Tom Gardeners anschließendes Räuspern zeugt von Verlegenheit.
„Es ist kurz vor 18 Uhr. Ich muss jetzt zurück. Der Lieutenant-Colonel will eine Besprechung. Ich komme Dich morgen besuchen.“
Jim bleibt ohne ein weiteres Wort gesagt zu haben, zurück.

Eine Woche später erst kommt der Lieutenant wieder, um dem nach wie vor bettlägrigen Sergeant einen Besuch abzustatten.
Diesmal wirkt er betreten und wortkarg.
Er hat einen Umschlag bei sich, mit welchem seine Finger nervös spielen.
„Jim. Ich will Dir hier etwas zeigen.“
Eine Reaktion des Sergeant bleibt aus.
„Es ist das letzte Foto, das mit Parkers Kamera geschossen wurde.“
„Das Bild von Curtis?“
Jim erinnert sich, dass Parker den Soldaten Curtis wider dessen Willen abgelichtet hat.
„Nein. Nicht Curtis.“
„Danach hatte der Bursche keine Genehmigung, weitere Bilder zu schießen.“, wendet der Sergeant ein.
„Das Foto ist aus einer seltsamen Perspektive entstanden.
Er muss die Kamera fallen lassen haben. Dabei hat sie, wie es aussieht, selbst ausgelöst.“
Der Lieutenant nimmt die Aufnahme aus dem Umschlag und hält sie seinem Freund hin.
„Ich wollte es Dir nicht vorenthalten.“
Es ist ein Schwarzweißfoto.
Wie lange Jim auch darauf starrt, für ihn steht die Zeit dabei still.
Die Tränen steigen von allein auf; das Motiv verschwimmt immer wieder vor seinen Augen. Jims Miene bleibt vollkommen ruhig dabei.
Nur die Lippen zucken dann und wann.
„VIETCONG!“, hört er Benjamin in Gedanken rufen.
Dann spürt er die Wucht seines Remplers, der ihm selbst das Leben gerettet haben muss.
Das Bild zeigt den Augenblick des Todes von Benjamin Parker; den Moment, als er den Sergeant zur Seite stößt; den Moment, in dem die Feindeskugel nicht den Kopf des Kommandanten, sondern den des jungen Kriegsberichterstatters durchschlägt.
Das Dunkle – es ist Blut.
Parkers entspannter Gesichtsausdruck spricht dafür, dass er im Sekundenbruchteil, den der Auslöser benötigt haben dürfte, bereits tot gewesen sein muss.
„VIETCONG!“, hört der Sergeant ihn noch einmal rufen.
Sein Weinen wird schließlich stimmhaft. Er presst die Augen zusammen und hält seine Faust gegen den offenen Mund.
„VIETCONG!“ ruft die Stimme Benjamin Parkers wieder und wieder.
Und Sergeant Jim Niland weint. Leise.
Der Sergeant weint sich den Krieg aus der Seele.
Dieses Stück Freiheit muss er sich nicht nehmen – es überkommt ihn einfach.
Zum ersten Mal in all den Jahren.

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~ von Sylvan - 13. März 2011.

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