Game Over

Winter 2008/2009
Abschlussübung, erster Laufbahnkurs

Eisig, wie immer. Und wieder einmal befinden wir uns an einem Kältepol.
Die Winde hier oben sind scharf und grausam. Sie sorgen dafür, dass es schneit, auch wenn es das nicht tut. Die harten Schneekristalle kommen einem dann einfach von unten entgegen, weil sie aufgewirbelt werden.
Hier liegt überall Schnee, so weit das Auge reicht. Einmal mehr herrschen weit unter Null Grad, was lediglich einen Vorteil hat – die tiefe Schneedecke ist hart und wir sinken kaum ein. Meine Hände und Füße sind wieder einmal die ersten Opfer des Winters.
Es ist der dritte und letzte Tag der Übung. An uns haften Duell-Simulatoren und unsere Feinde sind Aufklärer eines naheliegenden Bataillons. Das, was diese Übung so interessant macht und die Motivation steigen lässt, ist, dass zwischen den ‚Parteien‘ kaum etwas abgesprochen ist. Wer gewinnt, gewinnt eben. Und wer verliert, der hat am Ende eben verloren.
Am ersten Tag haben wir sie aufgeklärt, ohne entdeckt zu werden. Schließlich haben wir heraus gefunden, dass uns – wie erwartet – Schützen- und Jagdpanzer gegenüber stehen. Und was haben wir selbst? Panzerabwehrrohre. Das gute, alte Karl-Gustav. Nicht unbedingt ausgeglichen, aber wir werden schon sehen.
Am zweiten Tag haben wir sie angegriffen. Es war eher ein Hürdenlauf im Dickicht, als ein Gefecht. Überall Äste, Baumstümpfe und viel zu langes Gras unter der Schneedecke. Es ist ein scheiß Gefühl, wenn man hinter jeder Ecke mit einem Jagdpanzer rechnen muss, ohne etwas bei sich zu haben, das ihn ‚aufmachen‘ könnte. Es reicht schon, dass man es schwer hat, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und zweiteren kaum zu sehen bekommt.
Schließlich ist genau das passiert, was ich befürchtet habe – ich bin getroffen worden ohne vorher denjenigen gesehen zu haben, der auf mich gezielt hat.
Die freundliche Frauenstimme an meinem umgeschnallten Simulator meldete sich:
„Verwundung: Kopf.“
Für mich wäre in diesem Augenblick der Krieg vorbei gewesen. ‚Verwundung: Kopf‘ ist ein etwas breit gefächerter Begriff. Ob nun die fiktive Kugel nur meinen Helm gestreift hat, oder ich ein Loch im Kopf habe, ohne gleich zu sterben, bleibt offen.
Die freundliche Frauenstimme wiederholt die Art der Verwundung immer wieder.
Irgendwann, je nach Schwere der Verletzung, sagt sie dann:
„Ausfall.“
Oder anders formuliert:
„Sie leben nicht mehr.“
„Armes Schwein.“
„Shit happens!“
„Game Over.“
Bei mir wurde früh genug Sanitätsversorgung eingespielt. Ich war also offiziell legitimiert, weiter zu laufen.

(Unter uns: Für mich wäre, wie gesagt, der Krieg an dieser Stelle zu Ende gewesen.
Sie laufen nicht einfach so weiter, nachdem ein 5,56mm-Kaliber mit fast einem Kilometer pro Sekunde zumindest Ihren Helm trifft. Und wenn es durch Ihren Kopf rauscht, dann schon gar nicht.)

Wie dem auch sei, ich bin am dritten Tag noch immer dabei. Jetzt heißt es: Verteidigung – Feind greift in Kürze an.
Der Leutnant, unser Zugskommandant, hat uns aus dem Zug ausgegliedert. Wir sind die Todgeweihten, das wurde uns von Anfang an gesagt. Er hat uns dafür scherzend das Ritterkreuz versprochen – oder eher unseren Familien. Wir würden heute schließlich sterben.
Nun sind wir hier, mitten auf einem großflächigen Hügel, der von einem Blizzard heimgesucht wird. Das Gruppenzelt steht hinter dem uralten Bunker, bei welchem wir Stellung bezogen haben. Wir sind das ‚Auge‘ der Kompanie. Wir werden melden, wann wir etwas sehen, was wir sehen und wo wir es sehen, damit sich der Rest von uns in den Verteidigungsstellungen darauf vorbereiten kann.
Das Kommando über uns hat ‚Heli‘, wie er genannt wird. Das kommt von Helmut.
Er ist Mitte 30, hat drei Jahre in einer Spezialeinheit hinter sich und ist mit Abstand der beste Gruppenkommandant, unter dessen Kommando ich je gestanden habe.
Er wird der Beste bleiben. Das weiß ich.
Ich selbst werde auf den Bunker befohlen, direkt neben das Maschinengewehr.
Es wird von einem Vorarlberger bedient, der ausschließlich gepflegtes Hochdeutsch spricht. Er sagt, es würde ihn sonst keiner verstehen. Ich glaube ihm.
Der Rest der Gruppe befindet sich aufgeteilt um den Bunker herum; genauso wie Heli.
Vor dem Bunker verläuft in ca. 100 Metern Entfernung quer eine verschneite Straße, über die wir einen Minenriegel gezogen haben. Jenseits davon liegt eine große, freie Fläche. Links davon Bäume – rechts davon Bäume. Von links werden sie kommen. Auf der rechten Seite, tief im Wald liegen unsere Leute. Ich weiß nicht, wo genau. Wir haben nicht viel erfahren.
„Hast Du den Feldstecher?“, fragt mich der MG-Schütze.
„Klar.“
Vom oberen Teil des Gegenhanges linker Hand ist noch ein bisschen zu erkennen.
Darauf werde ich meinen Blick richten. Von dort werden sie kommen.
Mit Panzern, großen und kleinen. Und ich frage mich, wie es sich anfühlen muss, wenn man weiß, dass man zu Mittag nicht mehr leben wird.

„Panzergeräusche, zehn Uhr!“, melde ich schließlich nach überraschend kurzer Zeit des Wartens. Ihr Brummen ist nur schwach zu hören. Es hält den Pegel.
Die eigentliche Warterei beginnt erst jetzt.
Am Gegenhang tut sich nichts.
Sie werden am Waldrand entlang fahren müssen.
Mitten durch die Bäume können sie nicht, also beobachte ich die Straße an der Stelle, wo sie dicht neben dem Waldrand den Hang hinab verschwindet.
„Seht ihr etwas?“, will Heli wissen.
„Negativ! Nur Panzergeräusche!“
Warten. Das einzige, was man vom Feind mitbekommt, ist die wechselnde Intensität, mit der die Panzerfahrer Gas geben; einmal mehr, einmal weniger.
„Meine Güte, wie lange dauert das denn!“,
flüstere ich unnötiger Weise neben dem MG.
Die Kälte ist mit einem Mal nicht mehr so schlimm, weil der Nervenkitzel steigt.
Wie lange wir genau warten, weiß ich nicht. Schließlich aber sehe ich etwas.
„Neun Uhr, Panzer! Am Gegenhang!“
„Was für einer!“, ruft Heli. „Ich sehe ihn nicht.“
„Ich weiß nicht! Er ist zu weit weg!“
„Nur einer?“
„Ich sehe nur einen! Er fährt in die Senke! Auf uns zu!“
„Verstanden!“
Nebenbei höre ich, wie Heli funkt und die Meldung durchgibt.
„Noch ein Panzer!“, rufe ich bald darauf.
„Ein K?“
Das ist die umgangssprachliche Abkürzung für ‚Kürassier‘, den Jagdpanzer, der in diesem Szenario die schwerste Waffe ist.
„Nein, vermutlich Schützenpanzer!“
Ich frage mich, wie lange es dauern mag, bis sie hier am Hügel stehen.
Und schließlich: „Zehn Uhr, am Waldrand, Kürassier!“
Der Panzer kriecht regelrecht an den Bäumen entlang und sichert auf die Seite unserer Leute im Wald. Er bleibt stehen.
Die Meldung wird über Funk weiter gegeben, da zeigt sich schon der nächste.
„Zweiter Kürassier!“
Die Panzer sichern sich gegenseitig. Der eine gibt Feuerschutz, der andere bewegt sich.
Dann geht es schnell.
Ich rufe: „Zehn Uhr, auf der Straße, zwei Saurer!“
Das sind die ältesten Schützenpanzer der österreichischen Armee. Das erste Modell kam in den 50ern auf den Markt. Als Truppentransporter sind sie immer noch gut genug.
„Feuern auf mein Kommando!“, erinnert Heli und gibt dem Panzerabwehrrohr-Schützen Befehle, die ich nicht verstehe.
„Kannst Du wirken?“, frage ich den MG-Schützen.
„Kann ich.“
Ich geh in Anschlag. Die Decken der kleinen, engen Mannschaftsräume beider Panzer sind geöffnet. Die Köpfe der Feinde sind zu sehen. Es sind die einzigen bekämpfbaren Ziele für mich, als einfachen Schützen. Es bleibt bei zwei Schützenpanzern und zwei Jagdpanzern.
Ich visiere.
„Das gibts nicht, dass uns die nicht sehen!“, murmle ich auf den Gewehrkolben und lege den Finger auf den Abzug.
Direkt vor uns bleiben die beiden Schützenpanzer stehen. Sie müssen den Riegel erkannt haben.
„FEUER!“ – das Zauberwort.
Und der Zauber beginnt; sofort krachen alle Waffen und das MG neben mir gibt sein rhythmisches, hartes Staccato von sich. Auch wenn die Duellsimulatoren es nicht berücksichtigen, die beiden Transporter würden in diesen Augenblicken vom Maschinengewehr völlig durchsiebt werden. Ich selbst schieße lediglich auf die Köpfe, die nicht mehr still halten.
Das Feindfeuer ist bescheiden. Ein paar Schüsse brechen. Dann ist es still.
„FEUER EINSTELLEN!“
Die Waffen schweigen. Die Augen bleiben wachsam. Unter dem Deckel des Maschinengewehres und an der Mündung qualmt es hervor. Ich rieche den Pulver-Schmauch meiner eigenen Waffe, der durch die Auswurföffnung in meine Nase steigt. Ich mag den Geruch.
Die Panzer sind vernichtet.
Lautstark ruft Heli meinen Namen.
„Hier!“ gebe ich zurück.
„Wo sind die Ks?“
„Noch immer am Waldrand!“
Heli ist beschäftigt mit Funk und dem Führen des Panzerabwehrrohres, da gibt einer der Panzer plötzlich Gas; viel zu schnell, viel zu ungestüm und ohne jede Vorsicht.
„Was ist das jetzt?“, frage ich mich leise selbst.
„Einer fährt los! Über die freie Fläche!“
So abrupt der Jagdpanzer losgefahren ist, genauso abrupt bleibt er mitten auf dem Plateau zwischen den beiden Waldstücken stehen. Gerade will ich mich noch einmal fragen, was das jetzt wird, als sich der Turm des Panzers bewegt; das Rohr schwenkt in unsere Richtung.

Es ist nur eine Übung. Aber dieser Moment hat etwas Grausames an sich, genauso wie er etwas merkwürdig Wundersames in sich trägt. Ich starre durch die Visiereinrichtung aus
ungefähr 300 Metern in die Mündung einer 105mm-Kanone.
„Oh, ne …“, höre ich mich brummen.
„Das wars“, murmelt der MG-Schütze neben mir.

Das nächste, was kommen würde, wäre ein Feuerball und der Bewusstseinsverlust unter lautem Knall. Vielleicht würde man das auch gar nicht mehr mitbekommen?
Als wir so in die Mündung des Rohres starren, bestätigt Heli unsere Vermutung:
„Okay, es ist vorbei! Das war’s!“
„Scheiße. Ich habe mir echt Hoffnungen gemacht.“
Zögerlich beginnen wir mit der Räumung der Stellung. Als ich dann nach langem wieder auf den Beinen bin, winke ich dem Panzer entgegen. Ich habe die grinsenden Gesichter der Besatzung vor Augen.
Unten angekommen, hören wir den Zugskommandanten im vergeblichen Versuch, uns an zu funken.
„Der Zugskommandant braucht Sie!“, sagt jemand.
„Wir machen das wie im Krieg“,erwidert Heli. „Wir sind tot. Also gibt es auch keine Antwort!“

Eine Gruppe von neun Mann stirbt auf der einen Seite – mehr als drei mal so viele plus zwei Schützenpanzer und einem Jagdpanzer (wie ich bald erfahren habe) auf der anderen Seite. Zumindest waren unsere Leben teuer.
Die Ironie daran ist, dass ich an diesem Himmelfahrtskommando gar nicht hätte teilnehmen können, wäre es ein Ernstfall gewesen. Die Kugel vom Vortag hätte mich wohl nicht tödlich verletzt, wovon ich gerne ausgehen möchte. Ich wäre also höchstwahrscheinlich der einzige in der Gruppe gewesen, der überlebt hätte.
„Was für ein Unglück!“, ruft der Vater, als sein Sohn vom Pferd fällt und sich die Beine bricht.
„Was für ein Glück!“, ruft er, als kurze Zeit später der Krieg ausbricht und sein Sohn nicht einberufen werden kann.

Und am Rande erwähnt:
Wir haben gewonnen.

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~ von Sylvan - 13. März 2011.

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